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Plastik
Blog

Schluss mit den verengten Sichtweisen!

Veröffentlicht am 3. Apr. 2020 um 14:34

Es scheint weitgehende politische und gesellschaftliche Einigkeit zu bestehen, dass weniger Kunststoffe in die Umwelt gelangen sollen. Auch scheint – wenngleich kaum thematisiert – Einigkeit darüber zu bestehen, wer auf welche Weise dafür sorgen soll, dass dieser gewünschte Zustand eintritt. Die Familien sollen mit ihrem Konsum- und Mülltrennungsverhalten dafür sorgen, dass die Welt nicht bald die Grenze von 10 Milliarden Tonnen Kunststoffen überschreitet, die auf diesem Planeten genutzt oder ungenutzt herumliegen, fliegen und schwimmen. Damit adressiert man in erster Linie diejenige Gruppe, die immer noch größtenteils für unbezahlte Care-Arbeit in der Gesellschaft zuständig ist: Frauen. Die New Yorker Professorin Nancy Fraser drückt das für Leistungsempfänger folgendermaßen aus: „Unbezahlte Versorgungsleistungen [werden] fast ausschließlich Frauen [zugewiesen], während die männlichen Leistungsempfänger surfen gehen können“. Insbesondere Mütter werden durch Unmengen an Ratgeberliteratur unter Druck gesetzt, durch Plastikvermeidung `gute Mütter´ zu werden, sei es zum Wohle der Gesundheit der Familie oder aber auch hinsichtlich eines verantwortungsbewussten Umgangs mit unserem blauen Planeten. Die Debatte um Plastikmüll weist sie dabei nicht als Heldinnen aus, wie dies bei den Baumbesetzer*innen im Hambacher Forst in der Nachhaltigkeitsszene der Fall ist. Die Mütter können bei diesem Spiel keinen Statusgewinn erreichen, sondern haben bei Nichteinhaltung der ungeschriebenen Gesetze des nachhaltigen Konsums Statusverlust zu fürchten. Die Last der notwendigen guten Tat wurde einseitig bei ihnen abgeladen, zusammen mit der Aufgabe, mit dem Haushaltseinkommen im Sinne subjektiver Vernunft zu wirtschaften. Während Unternehmen mit ‚Mogelpackungen‘ mit mehr Kunststoffen pro Wareneinheit durch Kostenreduktion Gewinne maximieren, und so Helden des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs werden, stehen die zu Konsument*innen reduzierten Bürger*innen vor der Frage des rechten Handelns im Einzelhandel: Sie sollen bei jedem Einkauf zwischen subjektiver Vernunft (Auskommen mit dem Einkommen und Zeitersparnis) und objektiver Vernunft (Vermeidung von Plastik- bzw. Verpackungsmüll aus Gründen des Umwelt- und Naturschutzes) wählen. Dabei steht die Gruppe, der noch immer vorrangig die Versorgung des heimischen Haushalts obliegt und die sich für ein objektiv vernünftiges Handeln entschlossen hat, vor Fragen, die selbst Wissenschaftler*innen vor hochkomplexe Überlegungen stellt.

Abgesehen davon, dass Männer deutlich weniger in die Plastikmüll-Verantwortung genommen werden als Frauen, könnte man in Fragen der Abfallvermeidung stärker evidenzbasierte Politik betreiben als sich von der wechselnden Meinung der Verbaucher*innen abhängig zu machen. Denn letztlich verbietet der Staat auch das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, den Verkauf von Heroin, das Verbauen von Asbest und kaum jemand fühlt sich dabei in seiner persönlichen Konsumfreiheit eingeschränkt. Vernünftige Menschen kaufen keine halbe Banane, die in Folie eingeschweißt ist, den unvernünftigen Menschen wird es einfach nicht mehr angeboten. Die Politik hat jahrzehntelang auf die Freiheit des Marktes gesetzt und dabei einen nutzenmaximierenden homo oeconomicus konstruiert. Jetzt, so scheint es, konstruiert sie einen homo moralicus, um sich und die mehrwertheischende Industrie aus der Verantwortung zu ziehen. Unser Projekt Plastikbudget bietet deswegen partizipative Verfahren an, in denen nichts als der zwanglose Zwang des besseren Arguments politische Bürger*innenempfehlungen leiten soll. Dabei zeigen die vielfältigen Lebenswelten der Bürger*innen Quellen von Plastikmüll auf, welche die gesellschaftlichen Eliten nicht immer Blick haben. Die sinnvolle EU-Gesetzgebung spiegelt einen Politiker*innenalltag wider. Luftballonhalter und Plastikgeschirr aus dem Wahlkampf, die Styropor-Verpackung für das Essen-To-Go, hastig verschlungen zwischen zwei Terminen. Klar, das sind Quellen von Plastikmüll, deren gesetzgeberisches Versiegen zu begrüßen ist, aber ergänzend sollten Kleingärtner*innen, Lagerist*innen, Einzelhändler*innen, Hobbysportler*innen, Lkw-Fahrer*innen und Menschen mit unterschiedlicher Expertise nicht nur nach Litteringquellen befragt werden, sondern auch danach, an welchen Stellen der Einsatz von Kunststoffen ihrer Ansicht nach unverzichtbar sind. Zum Beispiel im medizinischen Bereich oder aus Klimaschutzgründen wie beim Leichtbau. Plastikmüll entsteht in allen Lebenswelten, ob auf dem Bau, im Lkw, beim Reifenabrieb, beim Fußballspielen auf dem Kunstrasen. Dessen Vermeidung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Nach der Corona-Krise gehen unsere Veranstaltungen von Plastikbudget weiter. Wir fragen die Menschen direkt, wo in ihrer Lebenswirklichkeit Plastikmüll anfällt und welche Ideen sie haben, diese Quellen zum Versiegen zu bringen. Wir freuen uns auf den Austausch!

Autor: Stefan Schweiger