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Plastik
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Der Fernsehsender RTL als Nachhaltigkeitsbeschleuniger?

Veröffentlicht am 30. Okt. 2019 um 15:11

Stefan Schweiger

RTL, der größte Sender der RTL Group, deren Hauptanteilseigner die Bertelsmann-Gruppe ist, führte vom 16. bis zum 23. September 2019 die Aktionswoche „Packen wir’s an – für weniger Plastikmüll“ durch. Gesteuert wurde die Aktion von der Bertelsmann Content Alliance.

Mit solchen Aktionen umzugehen, ist für die Transformative Wissenschaft nicht einfach. Zum einen ist es erfreulich, dass solche Themen aufgegriffen werden, zum anderen läuft man durch eine reißerische Aufmachung Gefahr, einem Cry-Wolf-Effekt zu unterliegen. Aufmerksamkeitsheischende Meldungen führen zu höheren Einschaltquoten, verstärken die öffentliche Wahrnehmung des Senders und der dort ausgestrahlten Formate. Übertreibungen sind aber bestenfalls kurzzeitig wirksam, können aber mittel- und langfristig negative Auswirkungen auf die Problemwahrnehmung haben, wie beim Jungen, der immer Wölfe schrie, daraufhin seine Mitmenschen Hilfe anbietend zusammenliefen und jedes Mal erstaunt feststellten, dass sich der Junge einen Prank erlaubt hatte. Als der Junge dann tatsächlich von Wölfen bedroht wurde, war es mit der Awareness seiner Mitmenschen dahin.

Nehmen wir als Beispiel das Format „Familie minus Plastik“. So heißt ein kostenfreier Audio-Podcast, den die RTL-Group im Internet anbietet. Dort berichtet die Familie des RTL-Moderators Maik Meuser über ihr Experiment, möglichst plastikreduziert zu leben. In der zweiten Folge berichtet Nicole Meuser über die Fußballtrikots ihrer Söhne, die aus Polyester sind und auf die nicht verzichtet werden kann. Ihr Mann Maik ergänzt, dass sie darauf achten, dass ihre Jungs Unterhemden oder T-Shirts unter den Trikots anhaben, damit möglichst wenig Hautkontakt stattfindet. Jedoch ist Polyester nur bei schweren Vorerkrankungen gesundheitlich bedenklich. In dem Podcast wird jedoch der Eindruck erweckt als müsse man als Eltern ein schlechtes Gewissen haben, wenn der Nachwuchs das Trikot seines Lieblingsvereins anziehen möchte und man dies erlaubt. Durch solche Formate besteht also die Gefahr, dass alle etwa 15.000 unterschiedlichen Formen von Kunststoffen über einen Kamm geschoren werden, obgleich die Öko- und/oder Gesundheitsbilanz unter Umständen sogar besser ausfallen kann als bei einem Naturprodukt. In diesem Blog findet sich bereits das Beispiel von der Plastiktüte.

In sozialen Medien wurde jedoch eine ganz andere Kritik laut. Dabei ging es in der Regel um Doppelmoral oder Scheinheiligkeit und als empirischer Beweis werden die Werbeblöcke herangeführt, in denen Produkte aus Kunststoffen bzw. Produkte mit Kunststoffverpackungen beworben wurden. Hier liegt eine Bewertung der Tugendhaftigkeit der RTL Group vor und dies erschließt sich mir nicht. Dass sich ein kommerzieller Sender in einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft so verhält, dass er ein Maximum an Gewinn erwirtschaftet, ist ein notwendiges Verhalten, um weiterexistieren zu können und Arbeitsplätze zu erhalten. Wer nun meint, dass RTL sich von sich selbst und seiner Nachhaltigkeitswoche ganz beeindruckt verstaatlichen lässt, der scheint insgesamt Probleme zu haben, sich mit den Realitäten dieser Welt anfreunden zu können.

Doch das Problem des Tugendtestes bei der Bewertung von nachhaltigkeitsorientierten Verhalten ist ein grundlegendes Problem. So würde ein Greenpeace-Mitglied einhändig in einem SUV fahrend und mit einem Coffee-To-Go-Becher in der Hand als wenig glaubwürdig eingestuft. Ein Betreiber eines Braunkohlekraftwerks oder die BMW-Chefin könnten hingegen kritiklos mit dem Fahrrad in ihr Unternehmen kommen. Niemand braucht einen Tugendtest zu durchlaufen und selbst wenn ein junger Mensch nur nachhaltig lebt, um seine Freunde zu beeindrucken, dann hat man letztendlich trotzdem weniger CO2 und weniger Kunststoffmüll. Dem Klima und unserer Umwelt sind unsere Beweggründe herzlichst egal.

Wenn RTL es schafft, das Thema Plastikmüll an die Menschen heranzutragen, welche die Transformative Wissenschaft oft nur schwer erreicht, dann ist schon viel gewonnen und dann kann ich auch damit leben, dass sie dies mit dem Geld, das sie durch die Bewerbung von Plastikprodukten verdienen, finanzieren.

„Eigentlich kann man es einfach in den Restmüll schmeißen und dann hat man eine saubere Lösung. […] Dann ist es verbrannt und aus der Welt geschafft“ meint die Youtuberin Sarah Milchstein als Replik auf eine der Sendungen von RTL. Dennoch versucht die Youtuberin nach eigener Aussage nun noch mehr darauf zu achten, in ihrem Alltag weniger Plastik zu verbrauchen. Was will man mehr erwarten?