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Plastik
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The Ocean Cleanup as a Conscience Cleanup

Veröffentlicht am 21. Jan. 2019 um 11:19
Schildkröten verwechseln häufig Plastikmüll mit Nahrung und verheddern sich in alten Fischernetzen.

Schildkröten verwechseln häufig Plastikmüll mit Nahrung und verheddern sich in alten Fischernetzen.

Von Stefan Schweiger und Miriam Wienhold

Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten! Solch ein Fortschrittsglaube war ein wesentlicher Bestandteil der Moderne und klingt auch in der weitaus skeptischeren Postmoderne immer noch wohlfeil. Der Glaube an die grundsätzliche technische Lösbarkeit der Probleme unserer Zeit macht gute Laune, verbreitet allenthalben Optimismus und wirkt wesentlich erfrischender und aktivierender als Weltuntergangsszenarien. Dieses Narrativ produziert sympathische Helden wie z.B. den Niederländer Boyan Slat, der mit seinem Projekt The Ocean Cleanup den menschgemachten Kunststoffmüll aus den Weltmeeren saugen möchte. Seine Mission ist jedoch vorläufig gescheitert.

Hohn und Spott ist nicht angebracht. Die ersten mutigen Tüftler in ihren Flugmaschinen hatten viele Wunden zu lecken, bis der Mensch sich aufmachen konnte, die Lüfte zu erobern. Die Erzählstruktur des verlachten und trotzdem genialen Wissenschaftlers oder Entrepreneurs findet sich in vielen Biographien, denen post-mortem Terra X-Sendungen gewidmet werden. Auch die Idee eines Meeresstaubsaugers sollte man nicht gleich im Meer versenken.

Boyan Slat wurde jedoch kaum verlacht, er bekam „Vorschuß-Lorbeerkronen“ (Heinrich Heine) aufgesetzt, unter anderem vom Time Magazin. Warum nur freute man sich so über diese Essenz ohne Existenz? Meine These ist, dass der Grund der Begeisterung in der psychischen Entlastung zu suchen ist, die technische Lösungen versprechen. Der unbedarfte Konsum kann weitergehen, all die Ver(sch)wendung von Coffee-To-Go-Bechern, antibakteriellen Müllbeuteln, Pooper-Scoopern, eingeschweißten Cola-Dosen und zweiundzwanzig Jahre und kein bisschen verrottet – Tamagotchis.

Es ist doch für den gemeinen Flachlandtiroler und fleißigen Bergbauern mit weißem Bart von der Alpenmilch nicht erklärlich wie ausgerechnet seine Plastiktüte ins Meer gelangen soll. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die Tüte auch eher in der Müllverbrennungsanlage stinkend verbrennen als im Meer einen Tümmler ersticken, wenn nicht böses Zutun solch eine Entwicklung herbeiführt. Die diskursive Verlagerung des Plastikmüllproblems vom Lande auf das Meer ist nicht besonders hilfreich. Die Probleme finden sich vor unserer Haustür, auch vor denen im ländlichen Idyll, selbst wenn ein Elektroauto eine Aura von Nachhaltigkeit verbreitet. Jedoch: „Gegen den Feinstaub bringt das Elektroauto nicht allzu viel.“ Schließlich ist es auch der Reifenabrieb, den nicht nur die Großstadt-Tarzans und –Janes tief in ihre Lungen ziehen.

Und selbst wenn das schlechte Gewissen doch Überhand nimmt, hilft Mr. Slat mit seinem Ocean Cleanup bei der Bewältigung des Frustes, der zu veränderten Handlungen führen könnte. Wie in Goethes Zauberlehrling kommt der Zaubermeister und löst das Problem – auf technische Weise. Das mag man sich wünschen, aber soll es wirklich vernünftiges Verhalten sein, Kunststoffe teuer zu entwickeln und zu produzieren, dann ins Meer zu werfen, um es dann über teure Entwicklung und Produktion wieder aus dem Meer zu saugen? Nicht wirklich, oder?