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Plastik
Blog

Wo ist eigentlich diese Umwelt?

Veröffentlicht am 8. Mrz. 2019 um 11:39

Von Stefan Schweiger

Die Fördermaßnahme des BMBF, in welches unser Teilprojekt PlastikBudget eingebettet ist, hat den Titel „Plastik in der Umwelt“. Der Stakeholder-Dialog, den wir am 18. und 19. Februar in den Räumlichkeiten des Fraunhofer Instituts FOKUS in Berlin abgehalten haben, warf unter anderem die Frage auf, wo denn diese Umwelt sei. Diese Frage ist nicht so trivial, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Eine Gleichsetzung mit Natur scheint nicht geboten. Seit Beginn des Holozäns, insbesondere ab etwa 7.000 Jahre vor Christus, transformierte der Mensch die Natur in eine Kulturlandschaft. Heute können nur noch wenige Schutzgebiete in der Bundesrepublik Deutschland als wilde Natur bezeichnet werden und diese Kennzeichnung erfolgt ebenfalls aus der Sphäre der Kultur.

Wann befinden sich anthropogene Polymere nun in unserer Umwelt? Wo endet die so genannte Technosphäre und wo beginnt diese Umwelt? Und sind – je nach Reichweite des Umweltbegriffes – die Kunststoffabfälle in der Technosphäre, gleichsam im menschlichen Kulturraum, grundsätzlich nicht problembehaftet? Während des zweitägigen Stakeholder-Dialogs wurden vier unterschiedliche Sichtweisen herausgearbeitet, die ich hier kurz vorstellen möchte.

Ein sehr weit gefasster Begriff der Technosphäre des Menschen umfasst alle Prozesse, in denen Kunststoffe an irgendeinem Zeitpunkt der Wiederverwertung zugeführt werden können. Diese Wiederverwertung kann Upcycling, wie der Visitenkartenhalter aus einer Kassettenhülle sein, als auch das Recycling, wie bei PET-Mehrwegflaschen oder das Downcycling der meisten anderen menschlichen Abfälle aus Kunststoffen. Bei einem weit gefassten Begriff der Technosphäre ist irrelevant, ob Plastik im Wald aufgesammelt, aus dem Meer gesaugt, in der Kläranlage der Zukunft herausgesiebt werden kann oder die Kiste Softdrinks beim Getränke-Dealer umgetauscht (bottle-to-bottle) wird. Entscheidend bleibt allein die Rückführung in die Kreislaufwirtschaft. Kunststoffe bleiben hier – egal an welchem Ort – Wertstoffe, die ökonomisch genutzt werden können. Plastic-Litter gibt es in dieser weiten Definition genauso wenig wie Gold- oder Platin-Litter existieren. Anthropogene Polymere bleiben Wertstoffe; es stellt sich nur die Frage nach der Zugänglichkeit innerhalb der Sphäre der Umwelt.

Ein wesentlich engerer Begriff der Technosphäre lässt diese an der Grenze zu animalischem Leben enden. Der Grünstreifen an der A40, welche die Stadt Essen durchläuft, mag für den Menschen Teil ihrer Lebenskultur sein, aber für zahlreiche Tierarten ist dies ihre komplette Lebenswelt; alles, was diese Tiere kennen und jemals kennenlernen werden. An einem Straßenrand im Erphoviertel in Münster beobachtete ich vor einigen Jahren einen Igel, der in eine Eisschale einer weltweit agierenden Fast-Food-Kette gekrochen war und nicht mehr ohne Hilfe herauskam. Wir beide, der Igel und ich, befanden uns auf einem gepflasterten Bürgersteig, von Natur keine Spur, sieht man mal vom kraftvollen Löwenzahn ab, der Straßenbauern langfristige Geschäfte sichert. Bei dieser engen Definition der Technosphäre beginnt Plastik in der Umwelt zu sein, sobald Tiere mit Plastik in Kontakt kommen können. Am Rande: Ich habe den Igel natürlich befreit.

Schillernd zwischen diesen beiden Positionen bewegt sich die Verortung der Umwelt bei der Frage der Funktionalität des jeweiligen Polymers. Aus der Sicht einer weiten Definition der Technosphäre ist der Kunststoff Wertstoff und damit nie ohne potentiell sinnvolle Funktion, zumindest dann, wenn man unter Sinn eine mögliche Positionierung des Werkstoffs in Wertschöpfungsketten verstehen mag. Jedoch kann man diese Verortung der Umwelt nach Funktion des Gegenstands aus Plastik auch spezifizieren und fragen, ob die Funktion des Kunststoffs noch der Intention des Ingenieurs entspricht. Das Gummi eines Reifens von einem Muscle Car mit röhrendem V8-Motor wie auch der eines smarten City-Flitzers mit Elektroantrieb ist nicht Meeresgewürz oder als Bestäubung von Innenstädten vorgesehen, sondern soll ausreichend Grip für schnelle Kurvenfahrten liefern. Nach dieser Vorstellung beginnt das Plastic-Littering dort, wo die Funktionalität eines Gegenstandes endet, inspiriert durch die berühmt gewordene Definition von Schmutz der Strukturalistin Mary Douglas: Schmutz ist nur Materie am falschen Ort.

Einen laxen Umgang mit Nichtwissen, mit welcher Wissenschaft sogar bei zunehmender Erkenntnis zu ringen hat, zeigt die letzte Möglichkeit der Verortung von Umwelt. Ganz teleologisch geht es dabei nur um die Frage der Schädlichkeit. So ist ein Kunstwerk aus Kunststoff im Park vielleicht ein guter Landeplatz für Taube, Star und Rabe und gar eine besondere Form einer Plastik in der Umwelt. Plastik kann sich also durchaus in der Umwelt befinden, entscheidend ist nur die Frage, ob es Schaden anrichtet oder nicht. Die Humantoxikologie steht noch am Anfang der Erforschung möglicher Schadwirkung von Kunststoffen, die im menschlichen Körper gefunden werden, auch wenn die Presse schon eifrig Schlagzeilen produziert. Auch bei Tieren sind nicht alle Auswirkungen abschließend geklärt. Diese Haltung ist kaum vereinbar mit dem Vorsorgeprinzip.

Letztlich lässt sich zwischen diesen unterschiedlichen Positionen eine letzte Wahrheit nicht finden. Doch ob nun funktional oder nicht: in der Technosphäre, in der Umwelt oder gar der Natur oder kaum oder gar nicht schädlich, der Mensch verändert durch Plastikemissionen seit den 1950er Jahren in einem Ausmaß die Welt, dass zukünftige Geo- und Archäologen durchaus dazu geneigt sein könnten, unser Zeitalter als ein Plastikzeitalter zu kennzeichnen.